Ich habe die Stasi-Akte meines Großvaters gelesen und weiß jetzt, was er einer Nachbarin angetan hat, und meine Mutter hält ihn für einen Helden.

Ich habe den Antrag 2021 gestellt, mehr aus Neugier als aus Verdacht. Es dauerte vierzehn Monate. Dann saß ich in einem Lesesaal in Berlin mit einem Ordner und einem Bleistift, weil man dort nichts anderes benutzen darf.

Er war IM. Seit 1971. Zweiundvierzig Berichte.

Der schlimmste ist von 1983 und betrifft eine Frau aus unserem Haus, die einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Er hat aufgeschrieben, wer sie besucht hat, und einen Satz, den sie im Treppenhaus gesagt hatte. Sie hat danach ihre Stelle verloren und ihr Sohn durfte nicht studieren.

Ich kenne diesen Sohn. Er ist heute dreiundsechzig und lebt zwei Straßen von meiner Mutter entfernt und grüßt sie auf dem Markt.

Mein Großvater ist 2009 gestorben. Bei der Trauerfeier hat mein Onkel gesagt, er sei ein aufrechter Mann gewesen, der in schwierigen Zeiten anständig geblieben ist. Das steht auch so in der Traueranzeige, die meine Mutter eingerahmt hat.

Sie ist achtundsiebzig. Ihr Vater ist die Figur, an der ihr ganzes Bild von sich selbst hängt.

Ich habe den Ordner seit zwei Jahren in einem Schrank. Ich habe ihn meiner Schwester nicht gezeigt. Ich habe mit niemandem darüber geredet außer mit meiner Frau, einmal, nachts.

Und ich weiß nicht, wem ich etwas schulde. Dem Mann auf dem Markt? Meiner Mutter? Der Wahrheit, was auch immer das praktisch bedeuten soll, wenn alle Beteiligten entweder tot oder dreiundachtzig sind.

Hat hier jemand so eine Akte gelesen? Was haben Sie damit gemacht — und wenn nichts, wie lebt man damit.

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