Ich habe im Februar 2018 etwas an mir gefunden und ich war seitdem nicht beim Arzt.
Sieben Jahre und acht Monate.
Ich weiß, wie das klingt. Ich bin nicht dumm, ich bin Dipl.-Betriebswirt, ich lese die Zeitung, ich weiß alles, was man über Früherkennung weiß. Ich habe meiner Schwester 2020 gesagt, sie soll zur Vorsorge gehen.
Was in der Zwischenzeit war: die Sache hat sich verändert. Zweimal, soweit ich das beurteilen kann, und ich beurteile es nicht, ich schaue nur hin, einmal im Monat, immer nachts, immer im Bad.
Warum ich nicht gehe, habe ich mir oft erklärt und keine Erklärung ist die echte. Die echte ist: solange ich nicht gehe, ist es nicht wahr. Ich habe sieben Jahre lang einen Zustand verwaltet, in dem ich alles noch vor mir habe.
Ich bin vierundfünfzig. Meine Frau weiß es nicht. Wir sind neunzehn Jahre zusammen und sie weiß nicht, dass es in diesem Haus einen Februar 2018 gegeben hat.
Ich habe zweimal einen Termin gemacht. Beide Male online, abends, und beide Male habe ich am Vortag abgesagt — das erste Mal mit einer erfundenen Dienstreise, das zweite Mal habe ich einfach nicht hingegangen und bin ins Büro gefahren.
Im August ist ein Kollege gestorben, sechsundfünfzig. Ich habe bei der Trauerfeier gestanden und gedacht: jetzt gehst du.
Das ist zwei Monate her.
Ich schreibe das hier, weil es das erste Mal ist, dass es irgendwo außerhalb meines Kopfes existiert. Es tatsächlich in Buchstaben zu sehen, ist etwas anderes als es zu denken.
Gibt es hier jemanden, der etwas jahrelang vor sich hergeschoben hat und dann doch gegangen ist? Was war in dem Moment anders? Ich brauche nicht die Statistik. Ich brauche den Satz, mit dem ihr aufgestanden seid.
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