Ich bin Berufsschullehrer und etwa ein Drittel meiner Schüler im ersten Ausbildungsjahr kann nicht gut genug lesen, um eine Betriebsanleitung zu verstehen.

Neunundvierzig, seit sechzehn Jahren im Dienst. Vorher zwölf Jahre in der Industrie. Ich unterrichte Fachkunde in gewerblich-technischen Berufen an einer Berufsschule in einer Stadt mittlerer Größe.

Ich schreibe das hier auf, weil ich es in Elternabenden nicht sagen kann, in Konferenzen nur in Formulierungen sagen darf, und weil es die wichtigste Beobachtung meines Berufslebens ist.

Was ich meine, präzise. Ich gebe im September jedem neuen ersten Jahr einen Text. Zwei Seiten, keine Fachsprache, eine Beschreibung eines Arbeitsablaufs, dazu sechs Fragen, von denen vier wörtlich im Text stehen und zwei einen Schluss verlangen. Ich mache das seit 2013 mit demselben Text, weil ich vergleichen wollte.

2013 haben von vierundzwanzig Schülern drei weniger als die Hälfte der Punkte erreicht. Dieses Jahr waren es von sechsundzwanzig neun.

Das ist keine Studie. Es ist ein Lehrer mit einem Blatt Papier über zwölf Jahre. Aber es ist meine eigene Messung und ich habe sie nicht erfunden.

Und es bedeutet für meinen Unterricht das Folgende: ich kann einen Lehrplan, der auf Textarbeit aufgebaut ist, nicht mehr so durchziehen. Ich habe umgestellt. Ich lese inzwischen in bestimmten Klassen Arbeitsanweisungen laut vor. Ich habe jeden längeren Text in Abschnitte von drei bis vier Sätzen zerlegt.

Ich arbeite viel mehr mit Bildern und mit Vormachen, was in einem technischen Fach gut geht und in Arbeitsschutz und Normenkunde eben nicht.

Und das ist das Problem, das keiner hören will: der Facharbeiter, den wir ausbilden, muss am Ende eine Betriebsanleitung, ein Sicherheitsdatenblatt und ein Prüfprotokoll lesen können. Das kann man nicht vormachen. Ich kann einem Menschen beibringen, eine Maschine zu bedienen, ohne dass er flüssig liest.

Ich kann ihm nicht beibringen, in acht Jahren eine neue Maschine selbstständig zu verstehen.

Was ich mache, und das ist der Teil, von dem ich nicht weiß, ob er zulässig ist: ich gebe seit 2019 freiwillige Lesezeit. Donnerstag, dreizehnte Stunde, nicht im Stundenplan, nicht vergütet, in einem Raum, den ich mir organisiert habe. Ich sage nicht, dass es ums Lesen geht.

Ich nenne es "Prüfungsvorbereitung Fachkunde". Es kommen zwischen drei und sieben.

Und es funktioniert. Das ist der eigentliche Grund dieses Textes. Ich habe in sechs Jahren etwa dreißig junge Männer — es sind fast nur Männer — die mit achtzehn kaum lasen, in eine Lage gebracht, in der sie ihre Abschlussprüfung schriftlich bestanden haben. Nicht gut. Bestanden.

Einer von ihnen, der 2021 bei mir war, ist heute Vorarbeiter. Er hat mir im Februar eine Nachricht geschrieben, und sie hatte vier Fehler, und sie war das Beste, was ich in meinem Berufsleben bekommen habe.

Was mich wütend macht: dass ich das donnerstags in einem Raum mache, von dem meine Schulleitung weiß und den sie wohlwollend duldet, statt dass es ein Stundenkontingent dafür gibt. Es gibt Konzepte und es gibt Förderprogramme, und auf dem Weg zu meinem Raum verlieren sie sich.

Wenn Sie einen Jugendlichen in einer Ausbildung haben, der in der Schule nie gelesen hat: fragen Sie an der Berufsschule nach, ob irgendwo ein Lehrer irgendwas Freiwilliges macht. Es steht in keinem Schreiben. Fragen Sie im Lehrerzimmer. Bei uns gibt es drei solche Angebote und keines ist offiziell.

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